Endlich zuckerfrei! Interview mit Ilga Pohlmann

Ilga Pohlmann bloggt auf zuckermonster.com  über den Weg aus der Zuckersucht und hat das Online-Programm „Endlich zuckerfrei!“* gegründet. Ilga war seit ihrer Kindheit zuckersüchtig – ohne, dass es ihr bewusst war. Heute kann sie frei entscheiden, ob sie Kuchen, der ihr angeboten wird, wirklich essen möchte oder nicht. Ihre Antwort ist jetzt fast immer NEIN – und das völlig ohne ein Gefühl des Verzichts.

 

Liebe Ilga, du bloggst auf www.zuckermonster.com über den Weg in die Zuckerfreiheit und hast einen Online-Kurs zu dem Thema entwickelt. Wie kam es dazu?

Als ich herausgefunden hatte, wie man vom Zucker loskommen kann und wie gut es tut, weniger Zucker zu essen, wollte ich der ganzen Welt davon erzählen – nur leider wollten es die meisten um mich herum gar nicht hören. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass da draussen ganz viele sind, die Hilfe suchen und von meinen Erkenntnissen profitieren könnten. Also hab’ ich einfach mit dem Blog angefangen, und es dauerte nicht lange, bis die ersten E-Mails mit dem Betreff „Bitte hilf mir!“ eintrudelten.

Du bezeichnest Zucker als Droge, die süchtig macht. Warst du selbst zuckersüchtig und wie hast du den Weg aus der Zuckersucht geschafft? 

Ich habe generell nichts gegen Zucker, und ich halte den Zucker auch nur für süchtig machend, wenn wir zu viel davon essen. Die Menge macht auch hier das Gift. Wir konsumieren im Schnitt täglich das Vierfache an Zucker, als empfohlen wird. Das hat leider Folgen für unsere Gesundheit und führt bei manchen Menschen zur Abhängigkeit.

Ich selbst war lange Zeit zuckersüchtig, wusste es damals aber nicht. Ich verstand nur nicht, warum ich immer wieder Dinge essen musste, obwohl ich mir so sehr vornahm, es nicht mehr zu tun. An sich war das keine gute Zeit, mit vielen Selbstvorwürfen. Ich war ständig krank und energielos und ganz allgemein einfach unzufrieden. Da half auch die kurze Freude über Schokolade und Eis nicht, denn ihr folgte ja jedesmal eine viel länger Phase mit schlechtem Gewissen.

Da ich dieses Verhalten als „Sucht“ bezeichne, war es für mich logisch, einen Entzug zu machen. Das versuchte ich auch, scheiterte aber danach und der Zucker wurde noch interessanter. Irgendwann verstand ich, dass man nicht einfach nur den Zucker weglassen kann, sondern gleichzeitig dafür sorgen muss, nährstoffreicher zu essen. Vollwertiges Essen und das Aufdecken von Stolperfallen – z.B. dass weiße Nudeln, glutenhaltige Speisen oder Fructose triggern können – haben dann zu dem Erfolg geführt, den ich mir gewünscht habe.

Was empfiehlst du als ersten Schritt raus aus der Zuckersucht?

Als ersten Schritt empfehle ich immer: Finger weg von Softdrinks bzw. Säften und das Lesen von Etiketten. Wenn man dann im Supermarkt steht und ein Produkt nach dem anderen wieder ins Regal stellen muss, weil es Zucker enthält, dämmert einem langsam, was da mit uns passiert. Wir werden tagtäglich und ständig mit dem Stoff versorgt, Zucker ist überall.

Die Gründe für eine Zuckersucht sind ja sehr vielfältig. Gehst du in deinem 7-wöchigen Online-Kurs „Endlich zuckerfrei“ auf die individuellen Fragen und Bedürfnisse der Teilnehmer ein? Und an wen genau richtet sich dein Kurs?

Mein Kurs richtet sich speziell an die, die schon lange versucht haben, vom Zucker los zu kommen, aber auch an die, die einen gesünderen Lebensstil erlernen wollen.

Die Teilnehmer werden per Mail und in einem Mitgliederbereich von mir informiert und dauerhaft in einer Facebook-Gruppe betreut, in der ich sehr präsent bin. Jeder, der Antworten braucht, bekommt sie auch. Oft entwickelt sich ein „Gespräch“ über tiefergehende Themen, über die emotionalen Gründe der Zuckersucht, über das, was sich dahinter versteckt oder mit den Süßigkeiten unterdrückt wurde.

Im Verlauf des Kurses gibt es auch drei online Frage- und Antwort-Runden, in denen sich die Teilnehmer austauschen und Fragen stellen können. Da können wir in einem digitalen Klassenzimmer direkt miteinander reden. Ich bin immer noch ganz fasziniert darüber, was die neuen Medien alles möglich machen und wie gut das funktioniert!

Ich bin also sehr nah dran an den Teilnehmern, und ich kann sie gut verstehen. Ich war ja selber einmal sehr von diesem Problem betroffen.

Und wie bist du auf die Idee gekommen, das Bild eines „Zuckermonsters“ zu verwenden? Mit Monstern verbindet man ja eher das Böse – dein Monster sieht aber sehr lieb aus!

Genau, schön dass du das auch so siehst. Es ist ein sehr liebes Monster.

Ich sehe oft innere Bilder, wenn ich mich etwas beschäftigt. Das passiert auch, wenn die Kursteilnehmer von ihrem Leben berichten. Die aufkommenden Bilder helfen mir dann sehr dabei, Emotionen oder Situationen zu beschreiben. Und auf diese Weise kam auch das Zuckermonster zu mir. Für mich sah die Zuckersucht einfach so aus.

Das Zuckermonster ist ein Teil von uns. Es lebt in uns, und wenn es klein und zahm ist, dann ist alles gut. Füttern wir es aber zu oft mit Zucker, wächst es und wird größer als wir selbst. Es übernimmt dann die Führung und fordert ständig Nachschub. Verweigern wir die, wird es ungemütlich – du kennst bestimmt die Gereiztheit von Menschen, wenn sie ihre Schokolade nicht bekommen.

Das Zuckermonster ist der Teil von uns, der denkt, dass er uns mit seinem Verhalten beschützen kann. Viele sind böse auf ihre Sucht und wütend auf das Zuckermonster, weil sie denken, es würde sie sabotieren. Aber das stimmt nicht. Kein einziger Aspekt in uns, steht tatsächlich im Widerstand mit uns. Sie sind alle nur bemüht, das beste für uns zu tun. Auch das Zuckermonster.

Bei den meisten, die vom Zucker nicht loskommen, versteckt sich ein verdrängter Anteil, oder eine unterdrückte Emotion, weil man nicht genau das Leben führt, dass die Seele sich wünscht. Oft sind das ganz einfache Dinge, wie Überforderung oder der Wunsch nach Ruhe. Zucker hilft kurzfristig einfach wunderbar, nicht durchzudrehen.

Die Sucht hat dann die Funktion übernommen, uns vor Schlimmerem zu bewahren. Zu dem Zeitpunkt war das wahrscheinlich die beste Möglichkeit, damit man weiter machen konnte. Eine geniale Hilfe!

Es geht also darum, den Punkt zu finden, der so viel Schutz benötigt und dann Frieden mit der Sucht, dem Zuckermonster, zu schließen.

Alles fängt an, besser zu werden, wenn man versucht, dem Zuckermonster dankbar zu sein, dass es sich so lange gekümmert hat. Ab dann kann man nämlich auch entscheiden, dass die Zeit gekommen ist, in der man sich alleine um sich sorgen kann. – Ein großes Thema!

Nochmal zurück zu dir: Wie definierst du für dich denn eigentlich die zuckerfreie bzw. zuckerreduzierte Ernährung?

Zuckerfrei definiere ich als Industriezucker-frei, damit meine ich aber auch alle Dicksäfte, Kokosblütenzucker und anderen Ersatz. Biochemisch gesehen werden die meisten sowieso sehr ähnlich verstoffwechselt und triggern können sie fast alle. So wird schnell der nächste „Rückfall“ provoziert.

Ich bin aber ein größerer Freund von der Beschreibung „zuckerunabhängig“, von einer Situation in der ich frei wählen kann, ob ich Zucker essen möchte oder nicht. Wenn das funktioniert, kommt es selten zu diesen „süßen Momenten“ und in dem Fall ist mir persönlich dann auch egal, welcher Zucker gewählt wurde.

Dein Zuckerentzug liegt nun schon einige Zeit zurück. Wie geht es dir heute: In welchen Situationen fällt dir der Zuckerverzicht besonders schwer? Oder gibt es solche Situationen gar nicht mehr?

Nein, diese Situation gibt es nicht mehr. Ich lebe nicht mehr mit dem Gefühl von Verzicht. Ich esse gut und genieße meinen energiegeladenen, gesunden Körper. Da ich dieses Gefühl nicht stören möchte, lehne ich Süßes oft ab, aber völlig emotionslos. Da sind mittlerweile wohl andere Synapsen in meinem Gehirn verknüpft worden. Ich genieße nährstoffreiches Essen und „nasche“ ganz andere Dinge als früher.

Und manchmal kommt dann plötzlich der Moment in dem ich sage: „Ja, heute hab’ ich Lust darauf!“ Und dann esse ich ein Stück Kuchen oder ein Eis, bin voll dabei, genieße es und danach ist alles gut. Ich weiß ja, dass meine Basis im Alltag gesetzt wird und die paar Ausnahmen keine Gefahr mehr für mich sind. Und wenn der Druck erst weg ist, ist das Bedürfnis nach Süßem nicht mehr so groß.

Diese Erfahrungen kann ich nur bestätigen, mir geht es heute genauso. Welche Veränderungen konntest du während der Ernährungsumstellung denn noch an dir selbst feststellen?

Sehr viele! Die offensichtlichen Veränderungen sind die im gesundheitlichen Bereich. Ich werde nur noch sehr selten krank und alle „miesen kleinen Malessen“, bei denen mir kein Arzt helfen konnte – wie Pilzbefall, Neurodermitis, ständige Erkältungen und Halsentzündungen, Haarausfall, Pickel, Blähungen und überhaupt ganz viel Darmbeschwerden, Speckröllchen, ständige Müdigkeit und keine Ausdauer, etc. – sind verschwunden. Das ist wirklich ein ganz anderes Leben!

Eine viel krassere, nicht erwartete Veränderung hat sich allerdings in meinem Innern gezeigt. Der Nebel in meinem Kopf verflog plötzlich und ich konnte mit der Zeit sehr viel genauer erkennen, was ich eigentlich vom Leben wollte!

Je weiter der Zucker aus meinem Leben verschwand, desto klarer wurde mein Geist und plötzlich kam etwas zum Vorschein, dass ich nicht erwartet hatte. Mit der Zeit entdeckte ich nämlich, dass ich eine Stimme in mir trage, die genau weiß, was gut für mich ist. Erst gab sie an, was ich als nächstes Essen sollte und später erzählte sie mir auch, in welche Richtung der nächste Schritt in meinem Leben gehen sollte. Je mehr ich ihr vertraut habe und ihren Angaben gefolgt bin, desto weiter hat sie mich aus dem alltäglichen Nebel geführt. Bis ich langsam da ankam, wo ich sagen konnte: „Jetzt passt eigentlich alles!“

Dieses „Aufwachen“ kann ich auch immer wieder bei den Teilnehmern beobachten. Sehr viele können dann plötzlich genauer erkennen, worum es eigentlich geht.

Seit du zuckerfrei lebst, spielt Glück eine große Rolle in deinem Leben – darüber bin ich auf deinem Blog immer wieder gestolpert. Wie hängen Glück und eine zuckerfreie Ernährung für dich zusammen?

Für mich kommt immer dann das Gefühl von Glück in mein Leben, wenn ich das tue, was mein Innerstes will und nicht dass, was der Verstand gerade für richtig hält. Da gibt es natürlich Situation, die erst nicht so angenehm sind, aber wenn ich dann die Komfortzone verlasse, stellt sich sofort ein enormes Glücksgefühl ein.

Dafür muss man allerdings diese innere Stimme hören lernen. Das klappt eben sehr gut, wenn man keinen Zucker mehr isst und andere Zerstreuungen zu Seite räumt. Zuckerfrei ist ganz sicher nicht die einzige Methode, um glücklicher zu werden, aber es ist im Nachhinein gesehen – wenn man endlich weiß wie es geht – eine ziemlich einfache!

Liebe Ilga, vielen Dank für die Einblicke in dein persönliches zuckerunabhängiges Leben. Ich bin mir sicher, dass dein Weg und deine Erfahrungen viele Leserinnen und Leser inspirieren und motivieren werden! 

Ilgas Online-Programm „Endlich zuckerfrei!“*.

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2 Kommentare
  1. Eires
    Eires says:

    Ja, mittlerweile muss man sich die Frage stellen: Wer ist nicht mindestens ein bisschen zuckersüchtig? Das Schöne ist: Wenn man einmal davon wegkommt, dann ist das so befreiend. Dann schmecken die Lebensmittel mit Zucker einem plötzlich nicht mehr, dann ist man verwundert, wo alles Zucker hinzugefügt wird.

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