Yoga in den Alltag integrieren – Interview mit Romana Lorenz-Zapf

Gemeinsam mit ihrem Mann Holger hat Romana Lorenz-Zapf, die ich für diesen Beitrag interviewt habe, UNIT Yoga gegründet. Ich besuche aktuell die Aufbau-Ausbildung (+300h AYA) im Hamburger UNIT Yoga Studio und habe auch meine 200h Ausbildung zur Yogalehrerin schon dort absolviert. Neben dem Studio in Hamburg haben Romana und Holger noch ein Studio in Wiesbaden, ihre Ausbildungen bieten sie außerdem in Mainz, Gießen, Leipzig und Soest an. Die +300h-Ausbildung wird von den beiden Gründern geleitet, während andere Ausbildungen teils auch von anderen Dozenten aus dem UNIT-Team geleitet werden.

Im letzten Beitrag zu meiner Ausbildung habe ich schon davon berichtet, dass ich nach längerer Zeit endlich mal wieder Unterricht bei Romana hatte. Endlich deshalb, weil ich Romana als wahnsinnig starke und inspirierende Frau wahrnehme und mich bisher nach jedem Ausbildungswochenende mit ihr gefragt habe, wie um alles in der Welt man ein solches Pensum schaffen kann. Romana ist nämlich nicht nur Inhaberin von zwei Yogastudios, leitet Ausbildungen und gibt Yoga-Unterricht und Personal Training. Sie besucht auch selbst fortlaufend Weiterbildungen und hat zudem eine Tochter.  Gleichzeitig findet Romana in ihrem Alltag immer noch Platz für ihre eigene Yogapraxis.

Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass ich mir keine bessere Interview-Partnerin als Romana vorstellen konnte, um das Thema „Yoga in den Alltag integrieren“ näher zu beleuchten. Viel Spaß beim Lesen!

Romana Lorenz Zapf2

 

Liebe Romana, gibt es in deinem Alltag so etwas wie einen typischen Tagesablauf, oder sehen jeder Tag und jede Woche bei dir anders aus?

Mein Alltag ist eigentlich ganz langweilig ;-) lach! Jeder Tag läuft eigentlich immer gleich ab. Ich stehe mit meinem Mann früh auf, wir frühstücken zusammen und dann bringt einer von uns unsere Tochter zur Schule, während der andere aufräumt. Danach beginnt unser Bürotag, so wie in vielen anderen Unternehmen auch, bis zum Mittag. Dann holt einer unsere Tochter von der Schule ab, während der andere kocht. Wir essen gemeinsam, haben hier nochmal etwas gemeinsame Zeit, bis dann nach der Mittagspause einer von uns ins wieder ins Büro geht bis zum Abend, während der andere dann bei unserer Tochter bleibt und zum Turnen, Klavierspielen und Freunden fährt, bei Hausaufgaben hilft und das Abendessen macht. Nach dem Abendessen verbringen wir dann auch abwechselnd unsere Abende mit Studio-Arbeit, Unterrichten und Personal Trainings oder eben dem Haushalt. Auch wir Yogis müssen die Spülmaschine ausräumen oder Wäsche waschen ;-) 

Einen Abend in der Woche haben wir für die Familie reserviert, wenn nicht gerade einer von uns gerade eine Ausbildungswoche hält. Das durchbricht natürlich den Alltag dann etwas, da dann einer allein für alles die Verantwortung hat, während der andere ausbildet. Am Wochenende wechseln wir uns dann auch meist ab, einer von uns hält immer irgendwo eine Ausbildung oder einen Workshop. Ein Wochenende im Monat haben wir zusammen frei ;-) Also komplett durchorganisiert – aber anders geht es nicht! Und die Yoga-Praxis findest auch in dieser Zeit statt. Ich glaube, dass ich mich gerade deshalb sehr gut in die Menschen hineinversetzen kann, die eine Familie haben, Arbeiten gehen und versuchen alles mit Yoga und ihrem Privatleben in Einklang zu bringen. 

 

Wie schaffst du es, die verschiedenen „Ebenen“ des Yoga in deinen vollen Alltag zu integrieren?

Ich übe Yoga jeden Tag. Wenn ich es mal nicht auf die „Matte“ schaffe, dann meditiere ich im Zug oder übe im Büro zwischendurch und meditiere dann am Abend nochmal, denn Yoga-Übungen kann man ja auch sehr gut am Schreibtisch einbauen. 1x am Tag mit Yoga in tieferem Kontakt zu sein, auf die eine oder andere Weise, das muss sein. Ebenso ist es für mich absolut wichtig, mich immer wieder mit dem Yoga-Sutra zu beschäftigen, denn Yoga hilft mir auch in vielen Situationen, in denen ich nicht weiter weiß. Dann frage ich mich immer: „Was würde der Yoga tun?“ und suche Antworten in den Schriften. Von daher ist es hier die Frage, wie Yoga mich unterstützt, meinen Alltag zu meistern. Ich sehe Yoga weniger als Übungsprogramm, dass man integriert, sondern als Werkzeug, den Alltag mit all den Verpflichtungen und Terminen zu „überleben“, ohne durchzudrehen. Yoga kann einfach in jeder Situation eine Antwort geben und einen in so vielen Situationen erinnern, sich nicht selbst zu vergessen.

Romana Lorenz Zapf3

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Privat- und Berufsleben?

Ich hoffe, ich verstehe Deine Frage richtig und Du meinst, ob ich Yoga in den Beruf anders integriere, als in mein Privatleben. Dann ist die Antwort ein klares Nein! Der Yoga ist der Yoga, es ist eine Geistesschulung. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben und nicht im Gestern oder Morgen und dabei alle Ebenen des Seins zu integrieren. Das geht sowohl im Beruf, als auch im Privatleben gleichermassen. 

Ja, genau so war die Frage gemeint. Welche Tipps hast du noch, wie man Yoga einfach in seinen Alltag integrieren können? Gerade Menschen, die sich nicht – so wie du – den ganzen Tag mit Yoga beschäftigen, fällt die Kontinuität oft schwer.

Du meinst, dass Menschen, die sich den ganzen Tag mit Yoga beschäftigen, mehr Yoga praktizieren? Ich kenne so viele Yogalehrer, die von Yoga leben und kaum zu ihrer eigenen Praxis kommen. Das ist kein „Ich habe einen normalen Job“-Problem.

Das Problem entsteht durch die Vorstellung darüber, was Yoga ist und wie die Yogapraxis „sein sollte“. Die meisten von uns haben – wenn Sie an die tägliche Yoga-Praxis denken – folgendes im Kopf. Man stellt sich vor, dass man sich am besten mindestens 1h Zeit nimmt. Dann zieht man sich in Ruhe um, rollt in Vorfreude seine Matte aus, übt ungestört und mit Hingabe alle die Übungen, die man können möchte und liegt am Ende mit einem Lächeln ins Shavasana oder man plant am Abend ins Studio zu gehen und überlegt, wie man die Kinder wegorganisiert. Was stimmt an dem Bild nicht? Es ist unrealistisch. Ich habe niemals am Tag das Gefühl, eine Stunde Zeit zu haben. Und wenn ich nur daran denke, dass ich mir diese eigentlich nehmen sollte, weil es mir ja so gut tut, dann argumentiert bereits ein anderer Teil meines Gehirns dagegen, warum es aber gerade jetzt nicht geht und vielleicht später. Am Ende des Tages liege ich frustriert im Bett und verschiebe auf morgen. Vielleicht kennst Du das auch?

Jetzt kannst Du Dich natürlich selbst verurteilen und maßregeln, dass Du ja so undiszipliniert bist usw. oder Du fängst genau da an. Mit Ahimsa, der Gewaltlosigkeit. Yoga sollte nicht mit problemvollem freischaufeln von Zeit starten, indem Du Dich hektisch umziehst, Deine Matte ausrollst und nach der Praxis Deinen „Check“ Haken unter der Verpflichtung „Yoga-Praxis“ setzt. Yoga sollte Dir helfen, Dich besser zu fühlen und nicht schlechter, weil Du es heute nicht geschafft hast. Also frage Dich, was ist realistisch? 10 oder 15 Minuten? 5 Minuten? Vielleicht ist es der Anfang, sich 5 Sonnengrüsse vorzunehmen am Morgen oder am Abend. Vielleicht ist es im Büro 10min vor Ende der Pause im Stehen 3 Asanas einzubauen und dabei tief zu atmen. Vielleicht ist es sich in der S-Bahn auf seine Gedanken zu konzentrieren und sich darin zu üben, nicht zu urteilen und vor allem sich nicht selbst ständig zu bewerten. Vielleicht ist es Business-Yoga am Schreibtisch mit ein paar Übungen, die Dir helfen den Nachmittag entspannt zu arbeiten oder überhaupt einmal aufrecht und bewusst am Computer zu sitzen. Vielleicht ist es auf dem Weg zum Auto bewusst langsam zu gehen und jeden Schritt ganz intensiv zu spüren. Vielleicht ist es durch die bewusste Haltung die Erkenntnis, dass man man 2min Pause oder einen Spaziergang braucht. Das ist es, was meiner Meinung nach Yoga ist. 

Yoga ist nicht, täglich ins Yoga-Studio zu rennen und sich mit seinem Nachbarn und seinem Ego darüber auszutauschen, wer diese Woche öfter da war und welche Positionen schon super klappen und sich den Tag über selbst auf einen Sockel zu stellen, weil man ja so motiviert ist und jetzt auch die Taube kann, sondern es ist meiner Meinung nach das tägliche üben in allen Bereichen seines Lebens – und das ist für mich in den vielen Kleinigkeiten zu finden: 

Zum Beispiel immer wieder über den Tag bewusst zu werden: bewusst zu atmen, bewusst zu laufen, bewusst zu sprechen, bewusst Ahimsa zu üben, bewusst 5 Sonnengrüße zu machen, oder bewusst seine Gedanken zu beobachten, bewusst sich zu reflektieren, sich selbst auch über den Alltag zu spüren und bewusst Yoga in seine Handlungen und in sein „SEIN“ zu integrieren. Und am Ende des Tages sich nicht zu verurteilen, dass man nicht auf der Matte war, sondern sich zu freuen, dass man Yoga beim Abwaschen geübt hat, beim Gehen, beim Autofahren, im Büro, mit seinen Kindern, weil man sehr aufmerksam war und vielleicht dann noch einen brustöffnende Übung am Schreibtisch gemacht und damit auch seinem Körper geholfen hat :-) 

Yoga findest Du nicht im Aussen, Yoga findest Du nur in Dir! Der Weg über den Körper kann helfen, aber er kann auch behindern, wenn man sich damit Druck macht. Mein grösster Tipp überhaupt also: Lass los von Deinen Vorstellungen von Yoga und komm ins Fühlen und sieh Yoga in jedem Moment als Möglichkeit, Dich selbst zu spüren. 

Romana Lorenz Zapf1

Liebe Romana, ich danke dir für deine Zeit, die Einblicke und die vielen Anregungen! Weitere Informationen findet ihr auf der UNIT Facebook-Seite und der Homepage. Ich freue mich auf das nächste Ausbildungswochenende im April, das wieder von Romana geleitet wird! :-) Ende April, am 29.04.2016, gibt Romana außerdem ein Yin & Yang Special in Hamburg, falls ihr sie auch einmal persönlich kennenlernen wollt!

6 Comments

  • Lena sagt:

    Liebe Hannah,

    vielen Dank für dieses Interview!
    Ich habe es mit großem Interesse gelesen, denn über Zeitmangel beklage ich mich, wie viele andere, beinahe täglich. Da war es sehr inspirierend zu lesen, was Romana dazu sagt. Kleine machbare Ziele in den Alltag zu integrieren und diese auch als erfüllend anzusehen ist eine tolle Strategie aus dem Alltagsstress.
    Yoga habe ich in meiner Schwangerschaft mit Wonne praktiziert und es hat mir unglaublich gut getan. Seit unsere Kleine auf der Welt ist, habe ich genau diese von Romana beschriebene, gedankliche Hürde. Ich denke immer, es lohnt sich doch gar nicht für die paar Minuten zu starten und lasse es dann ganz.
    Jetzt bin ich motiviert, das mal anders anzugehen.

    Schöne Osterfeiertage und liebe Grüße,
    Lena

  • Leonie sagt:

    LIebe Hannah,
    vielen Dank für dieses Interview, es hat mir sehr gut gefallen. Endlich mal ein Beitrag über Yoga, der über die üblichen Floskeln hinausgeht. Oft geht es nur um die Asanas und vielleicht noch das Meditieren, aber von dem, was Yoga wirklich ist, wie man es jeden Tag in allem was man tut, integrieren kann, habe ich bisher wenig gelesen.
    Schön auch die (sehr realistische) Einschätzung, dass es wohl ein Wunschtraum ist, sich jeden Tag 1 h auf die Matte zu begeben… Ich hatte genau diesen Vorsatz und habe es nie geschafft.. Wie schön, endlich mal einen realistischen und noch dazu inspirierenden Text zu lesen.
    Kann mir gut vorstellen, dass die Ausbildung bei so einer tollen Lehrerin sehr viel Spaß macht und du viel lernen kannst. Freue mich auf weitere Beiträge zu deiner Yoga-Ausbildung.
    Viele Grüße
    Leonie

  • Britta sagt:

    Was für ein schöner Beitrag! Noch vor dem Lesen saß ich mit einem „schlechten Gewissen“ und meiner Tasse Kaffee in der Hand hier und las ein paar Blogbeiträge anstatt, wie geplant, auf die Matte zu gehen! Jetzt atme ich gerade beruhigt durch, denn ich merke wieder einmal, dass ich mir mit meinen Bewertungen und Ideen vom „Ideal“ das Leben oft so unnötig schwer mache! Für mich ist Yoga genau das, was Ramona beschreibt. Ich vergesse es leider nur immer wieder! Danke Hannah für diesen Beitrag. Danke Ramona dafür, dass du die Worte dafür gefunden hast! Ostergrüße, Britta

  • Romana sagt:

    Sehr gerne Ihr Lieben! Ich freue mich sehr, dass Euch der Beitrag helfen konnte :). Und auch Lieben Dank an Hannah für die richtigen Fragen. Seit lieb gegrüsst Romana

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