Zuckerfreie Ernährung bei Kindern Teil 1 – #PROJEKTZUCKERFREI

Im Rahmen von Projekt: Zuckerfrei kam immer wieder die Frage auf, wie man Kinder im Umgang mit Zucker sensibilisieren und vor den Folgen des Zuckerkonsums bewahren kann – schließlich lauert Zucker wirklich an jeder Ecke. Die Werbung ist voll von angeblichen „Kinderlebensmitteln“ und Süßigkeiten, die schon die Kleinsten dazu animieren sollen, ihr Taschengeld für zuckrige Lebensmittel auszugeben. Da ich selbst keine Kinder habe und mich höchstens an meine eigene Kindheit zurück erinnern kann, konnte ich auf die Fragen bisher nicht antworten. Eher zufällig erfuhr ich im Telefonat mit Annette Coumont, der Redaktionsleiterin von evidero und Mutter eines Grundschulkindes, dass sie sich ebenfalls schon häufig mit dem Thema „Zucker und Ernährung bei Kindern“ auseinandergesetzt hat – privat wie auch beruflich. Zudem hat sie lange im Bereich Marketing und Werbung für Fernseh- und Onlinemedien gearbeitet, bevor sie im März 2014 auch als Autorin für Themen aus den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Yoga, Achtsamkeit sowie aktuelle Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft aktiv wurde. So bat ich sie um ein Interview.

Kinder Zuckerfreie Ernährung Projekt Zuckerfrei

Liebe Frau Coumont, Kinder sind in ihrem Alltag permanent zuckerhaltigen Lebensmitteln ausgesetzt – sei es der Kuchen beim Kindergeburtstag oder der Lolli an der Supermarktkasse. Wie kann man seine Kinder vor einem übermäßigen Zuckerkonsum bewahren?

Als Eltern sind wir in der Verantwortung, unsere Kinder vor zu viel schädlichem Zuckerkonsum zu schützen. Wir können dies in Rahmen der häuslichen Erziehung am besten durch unsere Vorbildfunktion gewährleisten. Wenn wir uns im Rahmen der Familie gesund ernähren und dem Kind vorleben, dass Süßigkeiten und zuckerhaltige Lebensmittel eher die Ausnahme als die Regel sein sollten, dann können wir hoffen, dass auch unsere Kinder diese Verhaltensweisen früher oder später einmal übernehmen.

Aber als Mutter eines Grundschulkindes weiß ich aus eigener Erfahrung, dass der Einfluss auf die Ernährung der Kinder sich immer mehr der elterlichen Fürsorge entzieht. Und das, je älter die Kinder werden und je häufiger die Betreuung der Kinder außerhalb des Elternhauses stattfindet. Kleinkindern kann man den von der Kassiererin nett gemeinten Lolli an der Supermarktkasse noch vorenthalten, wenn man danach das Protest-Geschrei seines Kindes aushalten kann. Beim Kindergeburtstag wird es schon schwieriger: Süßigkeiten und süße Getränke sind immer noch die Regel und keine Mutter oder kein Vater möchte seinem Kind die Teilnahme am Kindergeburtstag versagen, weil es dort das falsche Essen gibt.

Wie sieht es heutzutage in den Kindergärten und Grundschulen bezüglich einer gesunden Ernährung aus?

In den meisten Kindergärten und Schulen gibt es leider immer noch kein sichtbar fortgeschrittenes Ernährungsbewusstsein, wie unlängst die Studien über das schlechte Kantinenessen – sowohl in Kindergärten als auch in Schulen – zeigen. Und zu allem Übel nutzen geschäftstüchtige Kioskbetreiber, Bäckereien und Fast-Food-Restaurants diese Zustände und postieren sich gut erreichbar rund um die Schulen, wo die Kinder dann in den Pausen meist ihren Frust mit Süßigkeiten, Snacks und zuckerhaltigen Getränken stillen. Das pädagogische Personal ist meist unzureichend aufgeklärt und geschult: Erst einige wenige Kindergärten oder Schulen beziehen Ernährung und Kochen als eigenen Bildungsbereich in die pädagogische Arbeit mit ein.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Die zunehmende Mediennutzung der Kinder wirkt definitiv problemverschärfend. Bereits schätzungsweise 120 Minuten verbringt jedes 6-7 jährige Kind in Deutschland vor dem Fernseher, im Internet, vor Konsolenspielen oder mit dem Handy, meist ohne Eltern. Bei den bis zu 13-jährigen steigt diese kumulierte Zeit mindestens um das Doppelte an, wie die letzte KIM-Studie 2014 des medienpädagogischen Studiendienstes (mpfs) gezeigt hat, Tendenz weiter steigend. Und dort im Fernsehen und im Netz wird eifrig geworben: Für süße Produkte der großen Lebensmittelhersteller: süße Frühstückscerealien, Nesquik Kakao, Capri Sonne, süßer Joghurt mit Paula der Kuh, Kindermilchschnitte, u.v.a.m.. Dass diese Werbung bei Kindern wirkt ist keine Frage: Die aktuellen Stars aus Film und Fernsehen halten für die Produkte als Testimonials her und diese locken mit Spielen, tollen Gewinnen und Mitmachaktionen die kleinen Konsumenten spielerisch an. Die Kinder tauschen sich über digitale Medien und soziale Netzwerke dazu aus, sie werden sogar von den Werbungtreibenden bewusst dazu aufgefordert. Diese dauernde Auseinandersetzung mit den Inhalten der Werbung festigt die Marken und Werbebotschaften in den Köpfen unserer Kinder. Und zwar völlig vorbei an den Erziehungsbestrebungen der Eltern.

Ist eine Einschränkung des Medienkonsums durch die Eltern Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Neben der elterlichen Vorbildfunktion wäre diese Einschränkung sinnvoll. Aber leider lässt sich auch der zu starke Medienkonsum mit steigendem Alter der Kinder immer schlechter vermeiden, denn die Kinder und deren Freundes-Netzwerke, fordern die Teilnahme am medialen Leben verständlicherweise ein. Obwohl sie selber noch keine Medienkompetenz besitzen, um die Risiken von Werbung und gezielt manipulativen Inhalten einschätzen zu können. Bleibt nur noch die von der WHO und der Organisation Foodwatch geforderte Einschränkung (Verbot) für Werbung und Kindermarketing, vor allem für zuckerhaltige Lebensmittel. Denn wenn wir die Kinder und ihre Gesundheit wirklich schützen wollen, müssen wir sie der manipulativen Beeinflussung der Werbung entziehen.

Bekanntermaßen wehren sich diverse Verbände und Interessengemeinschaften der werbungsreibenden Industrie mit dem Argument: „Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder“ gegen solche Verbote. Wie bringt man als Eltern seinen Kindern bei, dass „Kinderlebensmittel aus der Werbung nicht unbedingt das Beste für ihre Ernährung sind? Gibt es neben der Vorbildfunktion aus Ihrer Sicht weitere Möglichkeiten?

Das können wir ihnen womöglich nicht auf direktem Wege beibringen. Die Kraft der medialen Vorbilder ist sehr groß. Wenn die Figur Paula von Nestlé für gesunden Joghurt aus Kuhmilch wirbt, oder sogar die Maus, aus der berühmten Kinderbildungssendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, für süße Frühstückscerealien des Unternehmens Kölln wirbt, haben wir als Eltern kaum noch Möglichkeiten, dem Kind zu erklären, warum es den süßen Paula Joghurt oder die Maus Cerealien besser nicht essen soll. Kinder, vor allem kleinere, funktionieren meist noch nicht vernunftgesteuert, sondern vor allem emotional und affektiv. Genau über diese Ebene funktioniert auch die Werbung, sie weckt einfache kindliche Bedürfnisse nach “Haben Wollen”, “Essen Wollen und durchweg positive Gefühle in Verbindung mit den süßen Produkten. Diese Eindrücke sind viel stärker als jede vernunftgeprägte Erklärung oder Erziehungsmaßnahme.

Wir Eltern können unseren Kindern aber ein gutes Verständnis von natürlichen und gesunden Lebensmitteln beibringen. Wir können versuchen, unsere Kinder aktiv an dem Prozess der natürlichen Lebensmittelerstellung teilhaben zu lassen. Häufige Besuche von Bauernhöfen, Nähe zu Tieren und Pflanzen, gemeines Kochen, Essen und Genießen. Mit der angenehmen Erfahrung eines gesunden und leckeren Essens verbunden können wir auch versuchen, ihnen zu erklären, wie die Produkte gemacht werden und wie sie auf unseren Körper wirken. Wenn unsere Kinder möglichst häufig positive Erfahrung mit gesundem, leckeren Essen machen, dann – das können und wollen wir hoffen – werden sie gleichsam gegen die schädlichen Einflüsse aus der Werbung immunisiert.

Danke für das Interview! Im zweiten Teil unseres Interviews gibt Annette Coumont nächste Woche Tipps, welche gesunden Alternativen es für eine zuckerfreie oder zuckerreduzierte Ernährung für Kinder gibt.

8 Kommentare
  1. Lizzy
    Lizzy says:

    Schöner Artikel und toll das du eine Expertin mit ins Boot holst! Die angesprochene Vorbildfuktion ist sicher das wichtigste – und die Gewöhnung an weniger süßes Essen. Bei uns zu Hause wurde wenig Zucker verwendet, Süßigkeiten waren die Ausnahme. Wenn ich als Kind dann gequengelt habe und die bunten Kinderleckereien haben wollte, habe ich sie zwar manchmal bekommen, dann haben sie mir aber gar nicht geschmeckt! Wenn Kinder den künstlichen, süßen Geschmack nicht als etwas besonders tolles, das man sich verkneifen muss oder gar als Belohnung vorgelebt bekommen, werden sie auch gar nicht erst dran gewöhnt.
    Was mir aber wirklich Sorgen macht, ist das schlechte Schulessen. Ich habe selbst noch keine Kinder, aber mir graut es heute schon davor, einestages meinem Nachwuchs soetwas zumuten zu müssen. Hier besteht dringend Handlungsbedarf!

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  2. Blaine
    Blaine says:

    Interessantes Thema, das ich zum Haare-raufen finde. Die „Lösungs-„ansätze im Interview finde ich gut und bin gespannt, wie und ob ich das bald umsetzen kann. Wenig/kein (Haushalts-)Zucker, nix aus oder von Tieren… für mich ist das leicht, aber die gutgemeinten Verlockungsangebote des Umfeldes – es bleibt spannend…

    Jedenfalls: Über die Thematik würd ich gern mehr lesen.

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  3. Jessi
    Jessi says:

    Interessanter Artikel.. darüber denke ich in letzter Zeit auch viel nach, wieviele Verlockungen es für die Kinder überall gibt.. im Laden ist das alles schön in Greifhöhe der Kinder. In meiner Arbeit mit Kindergartenkindern bin ich oft auch schockiert, was Kindern zum Frühstück mitgegeben wird: Kinder Pingui, Milchschnitte, Actimel, durchgängig Nutella, Schokolade (!).. um nur einige Beispiele zu nennen. Da reden wir aber auch mit den Eltern und sagen, dass wir das nicht ganz so gerne sehen und halten mit einem wöchtentlichen gemeinsamen „gesundem“ Frühstück dagegen.
    Das Bild interessiert mich noch. Kenne die Manufaktur nur als Bonbon-Hersteller.. aber auf dem Bild sieht es ein wenig aus wie getrocknete gepressste Früchte. Das ist aber wahrscheinlich nicht der Fall, oder? ;)

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    • Hannah Frey
      Hannah Frey says:

      Hallo Jessi,

      das glaube ich gerne. Ich finde es auch immer wieder erschreckend, was ich in der Öffentlichkeit so sehe – diese Woche in der U-Bahn erst eine Mutter, die ihrem Baby Fanta ins Fläschchen gegeben hat. Gruselig!

      Auf dem Bild das ist ein Lolli aus purem Zucker der Bonbon Manufaktur in Bremen – vor Ewigkeiten zu meiner Studienzeit mal gekauft, seitdem liegt er hier rum ;-) Ich hatte nichts anderes Süßes, was ich fotografieren konnte ;-)

      Liebe Grüße,
      Hannah

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  4. Friederike
    Friederike says:

    Vielen Dan für den interessanten Beitrag. Das ist ein ganz schwieriges Projekt. Wir vermeiden zuckerhaltige Lebensmittel so gut es geht, es wird immer frisch gekocht, aber ganz ohne „Süßes“ geht es mit Kindern nicht. Wir kaufen Marmelade mit hohem Fruchtanteil und unsere Kinder essen liebend gern „Erwachsenenschokolade“, sprich die 85%/ 90%-Schokolade. Beim Frühstück legen wir auch Wert darauf, dass das Kind erst etwas Herzhaftes isst und dann den süßen Aufstrich. Hier wird das so vorgelebt und akzeptiert. Auch beim Backen wird auf wenig Zucker/ Honig geachtet. Im Alltag mit anderen Kindern ist es sehr schwer. Ich scheine in der Minderheit zu sein, wenn in die Brotbox fast nur Rohkost/ Obst kommt. Auf Ausflügen mit Grundschülern wurde ich selbst Zeuge, wieviel Süßkram in der Lunchbox war….Ich spreche nicht von der Mini-Tüte Gummibärchen, es werden teilweise riesige Packungen an Süßigkeiten mitgegeben. Ich finde es völlig ok, dass es auf Kindergeburtstagen Süßigkeiten gibt. Aber man kann doch die Menge etwas drosseln. Wenn Kinder heutzutage zum Turnen gehen, gibt es zum Abschied eine Süßigkeit von der Lehrerin. All diese Kleinigkeiten summieren sich und sind meiner Meinung nach völlig überflüssig. Ein Fruchtjoghurt aus dem Kühlregal ist keine gesunde Mahlzeit. Die fertigen Joghurts sind uns auch, wenn es keine Kinder-Version (Maus, etc) ist, viel zu süß. Ich mische sie dann selbst, was die Kinder zwar essen, aber zum Mitnehmen ist der gekaufte Joghurt einfach viel cooler, meine gemischte Variante wird leider nicht so gerne angenommen. Uns ist das wichtig, weil wir wissen, wie schädlich der Zucker ist, aber es bedeutet im Alltag mehr Arbeit bei der Zubereitung, gute Nerven und Standhaftigkeit. Ich freue mich, hier Gleichgesinnte zu treffen!

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    • Hanna
      Hanna says:

      Hallo Friederike, ich fühle mich von deinen Worten und Gedanken sehr angesprochen. Auch wir haben eine bald 4 jährige Tochterund bemühen uns,um zuckerfreiheit,aber ich finde es manches Mal sehr schwierig. Sobald wir soziale Kontakte haben sind wir mit dem Thema konfrontiert-also täglich- und unsere Tochter liebt es..wobei sie nicht alles süße mag.ich suche nach einer realistischen Balance…und finde es auch nicht gut, dogmatisch zu sein-haben zwei solcher Familien im Umfeld..ich finde es sozial isolierend wie sie dafür leben .wie alt sind deine Kinder,wie erlebst du es?Freu mich auf Kontakte!!!Liebe Grüsse.Hanne

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  5. Suzana
    Suzana says:

    Endlich mal höre ich ähnliche Stimmen wie meine. Kinder und Süßigkeiten, hm…..das ist finde ich ein extra Thema für sich. Meine Kinder sind 8 und 10 Jahre und wir versuchen so gut es geht den Zuckerkonsum zu reduzieren. Sie sind auf jedem Tritt und Schritt mit verschiedenen Verlockungen abgelenkt. Zum Glück vertritt unsere Grundschule die Auffassungen eines gesunden Frühstücks. Keine Süßigkeiten zum Frühstücks, nur Brot, Gemüse und Co. Der Übel beginnt in der Betreuung wo Kinder regelrecht zu einem Nachtisch konditioniert werden. Und wenn ich dann Samstag und Sonntag keinen Nachtisch anbiete ist das ein Drama und Katastrophen. Ich erlebe nicht Kinder sondern zwei Menschen, die suchtig nach erwas süßem suchen. Ich könnte ein Roman dazu schreiben. Es ist ein ständiger Kampf um das Wohl der Kinder. Wir Eltern werden nicht unterstützt in diesem Vorhaben. Nein wir werden regelrecht übergangen.

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